BREGUET ATLANTIC - Fernmeldeaufklärung der Bundesmarine, Marinefernmeldesektor 73

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BREGUET ATLANTIC



BREGUET ATLANTIC


Die BREGUET ATLANTIC, auch BR 1150, ist ein Langstrecken-Seeaufklärer (Maritime Patrol Aircraft (MPA)), der multinational entwickelt wurde. Das Flugzeug wird für Patrouillenflüge sowie zur U-Jagd eingesetzt. Bei der Breguet Atlantic handelt es sich weltweit um das einzige Flugzeug, das von Anfang an ausschließlich für dieses Aufgabenspektrum gebaut wurde, während andere Seeaufklärer im Regelfall auf Basis ziviler Flugzeuge entwickelt werden. Die BR 1150 sind bei der Bundeswehr zwischenzeitlich ausgemustert, werden aber in anderen Ländern noch weiter betrieben. Neben der Version für die MPA-Aufgabe, gab es in der Bundeswehr noch die Ausrüstungsvariante BR 1150 M für SIGINT Aufklärung. Die Bundeswehr hat am 31. Januar 2007 fünf Stück der hochfliegenden Drohne EuroHawk bestellt, die die bisher eingesetzten Breguet Atlantic in der Sigint-Version ersetzen sollen. Die letzte der BR 1150 M (61+03) absolvierte ihren letzten Flug am 20. Juni 2010 und beendete damit eine mehr als 40-jährige Ära in der Deutschen Marine. Da das Flugzeug Nachfolger der Neptune sein sollte, hatte man es "Atlant" nach einem der Söhne Neptuns genannt. Ein Zoologe klärte dann auf, dass Atlant auch ein in den unteren Tiefen der See lebendes wirbelloses, geschlechtloses Weichtier sei. Man einigte sich dann auf Atlantic, auch um den Bezug zur Nato zu betonen. Die BR 1150 wurde gelegentlich auch mit dem Spitznamen "flüsternder Riese" tituliert, da sie ein vergleichsweise leises Flugzeug ist. In der Marineaufklärungsversion (MPA) konnte das Flugzeug sowohl mit Torpedos für die U-Boot-Jagd als auch mit Raketen gegen Schiffe ausgerüstet werden. Es kamen außerdem Sonarbojen zum Einsatz und verfügte über ein Ortungsgerät für erdmagnetische Anomalien. Dies diente insbesondere zum Aufspüren von U-Booten. Je nach Modell des Waffensystems trug das Flugzeug acht bis neun Torpedos, zwei oder vier Anti-Schiff-Raketen oder 72 Sonarbojen. Außerdem existierte eine, lediglich durch die Bundeswehr betriebene, Sigint-Variante, (BR 1150 M) die zur elektronischen Aufklärung eingesetzt wurde. Diese Maschinen, wie auch die früheren der MPA-Version, wurden vom Marinefliegergeschwader 3 (MFG 3) in Nordholz betrieben. Der Rumpf besaß im Querschnitt die Form einer "Acht", wobei etwa zwei Drittel des vorderen oberen Teils der Rumpflänge als Druckkabine ausgelegt und klimatisiert waren und die Besatzung und ihre Konsolen aufnahmen. Dieser Teil des Rumpfes war in Wabenbauweise ausgeführt, während der Rest konventionell aus beplankten Spanten und Stringern konstruiert war. Die Druckkabine wurde aufwändigen Dauertests im Wassertank unterzogen. Der mittlere untere Teil des Rumpfes ließ sich durch zwei große Schiebetore – ebenfalls in Wabenbauweise – öffnen und enthielt den Abwurfraum für die Torpedos und sonstige Waffen. Im Bug war der Radom mit der Radarantenne untergebracht, der für Start und Landung in den Rumpf eingezogen werden konnte. Neben dem an allen Versionen vorhandenen Ausleger des Magnetfeld Anomalie Detektors (MAD) am Heck befand sich bei der deutschen Version mit den später bei der KWS angefügten längeren Behältern der ESM-Anlage an den Tragflächenspitzen ein weiteres auffälliges Merkmal. Im hinteren unbedruckten Teil waren die Öffnungen des nach unten gerichteten Bojenwerfers zu sehen. Die Bugspitze unterhalb des Cockpits war durch eine Plexiglaskuppel rundum verglast und enthielt einen Sitz für einen Beobachter. Das Flugzeug hatte neben der elektronischen Ausrüstung zur Kommunikation mit Schiffen in der Kabine eine sonst verschlossene Öffnung zum Einstecken einer Signalpistole, um auch Leuchtsignale an Schiffe geben zu können. Das Flugzeug besaß ein 360-Grad-Rundsicht-Seeüberwachungsradar zum Aufspüren von Überwasserobjekten sowie ein Sonarsystem zum Aufspüren von U-Booten. Unterstützt wurde die Radaranlage durch ein ESM-System, das die elektromagnetische Abstrahlung (ELINT) der Objekte auf großem Abstand erfasste, analysierte und zuordnete. Das Sonarsystem bestand aus Horchbojen, die in einem bestimmten Muster abgeworfen wurden und empfangene Geräusche an das Flugzeug zur Auswertung sendeten. Bei der U-Boot-Suche wurde ferner noch der Magnetanomaliedetektor eingesetzt, der magnetische Abweichungen besonders unter Wasser aufzeigte und damit die Boote aufspürte. Entsprechend der Technologie der 1950er- bis 1960er-Jahre hatten der Taktische Offizier (TACCO = Tactical Coordinator) und der Navigationsoffizier (NAV) an Bord jeweils einen (etwa 1 x 1 m großen) Kartentisch zum Auflegen und Zeichnen von Karten sowie zum Darstellen und Führen der Lage. Ergebnisse wurden durch den TACCO per Sprechfunk (in der Regel UHF) und durch den Funker (Radio) – mittels Sprechfunk (in der Regel = HF) und Funkfernschreiber an die Lagezentren weiter gegeben. Modernisierungen dieses Systems scheiterten mehrfach an den Kosten, andererseits erwies sich das System aber auch als einfach und effektiv genug. Da als Haupteinsatzgebiet die Nordsee vorgesehen war, wurden die Systeme auf diese Verhältnisse abgestimmt. Die Systeme waren genau und fein genug, um U-Boote zwischen den zahlreichen Wracks und auch Bohrinseln erkennen zu können. Im Abwurfraum konnten im Kriegseinsatz verschiedene Torpedos und/ oder Wasserbomben gegen Über- und Unterwasserziele mitgeführt und im Tiefflug über dem Wasser abgesetzt werden. Die Bekämpfungsaufgabe blieb durch die politischen Entwicklungen im Hintergrund und wurde letztendlich auch nicht mehr vorgesehen, zudem hätte die Waffenladung auch die Flugausdauer eingeschränkt. Das Flugzeug konnte neben den beiden Piloten noch weitere zehn Mann Besatzung aufnehmen, die vor Konsolen mit Bildschirmen und Anzeigegeräten sitzend, die Daten der Sensoren auswerteten und die Effektoren bedienten, darunter ein Navigator und ein Kommandant, der die Mission an Bord führte und an dessen Weisungen auch die Piloten gebunden waren, soweit die Sicherheit des Fluges nicht tangiert wurde. Der Navigator und das von ihm kontrollierte Navigationssystem steuerte in der Regel über den Autopiloten auch das Flugzeug/Flugprofil im Einsatzgebiet. Die Aufgabe der Piloten reduzierte sich dabei auf die Beobachtung der Bedrohung, Flugzeugsysteme, Flugsicherheit ("See and Avoid"). Die Konsolen der Beobachter waren quer zur Flugrichtung, längs der rechten Seite der Kabine angeordnet. Das Flugzeug hatte zwei nach außen gewölbte sog. Bubble Windows, die – zusammen mit der verglasten Bugnase – insbesondere bei U-Jagd, Aufklärungs-, oder SAR-Flügen der Sichtüberwachung dienten. Der Einstieg in die Glaskuppel am Bug erfolgte durch einen Gang zwischen den beiden Pilotensitzen, die dadurch weiter auseinander lagen als in anderen Flugzeugen. Die Cockpitverglasung war dadurch seitlich ebenfalls etwas nach außen gewölbt, was den Piloten die Sicht zur Seite und nach hinten verbesserte. Die Kabine enthielt einen kleinen Aufenthalts- und Ruhebereich mit kleiner Küche und Toilette, da die Flüge auch später noch mit reduzierter Beladung bis zu 18 Stunden dauern konnten. Der Zustieg zur als Druckabteil ausgelegten Kabine erfolgt vom Heck aus über zwei schmale und steile Treppen. Die Kabine war trotz des Aufenthaltbereiches beengt und entsprach im Komfort dem Konstruktionsstandard der frühen 1960er-Jahre. Während die elektronische Ausrüstung durch eine KWS und laufende kleinere Verbesserungen den Anforderungen der Zeit angepasst wurden, blieb der persönliche Bereich der Besatzung in den über 40 Jahren der Einsatzzeit praktisch unverändert. So gehörte es zur Kollegialität zwischen Besatzung und dem Wartungspersonal der Maschine, die Toilette nur in dringenden Fällen zu benutzen, da der Toilettenkübel die engen Treppen heruntergetragen werden musste, was bei einem vollen Kübel leicht zu Problemen führte. Zur weiteren Ausrüstung der Besatzung gehörten Fallschirme für alle, wie auch die üblichen Notwasserungsrettungsmittel, wie Rettungsinseln und Überlebensausrüstung. Das von der Bundeswehr betriebene Flugzeugmuster BR 1150 M (Messversion) war die SIGINT-Version der BR 1150 Atlantic MPA. Die Aufgabenstellung und Ausrüstung unterschied sich wesentlich von der der MPA-Version. Sie diente der ELINT- und COMINT-Aufklärung aus der Luft. Die Ausrüstung kam aus den USA und die genaue Zusammenstellung wurde geheim gehalten, obwohl sich Aufgabenstellung und Einsatz seit dem Fall der Mauer wesentlich geändert hatten, bzw. weggefallen waren. Mit dem Bau der Mauer innerhalb Deutschlands ab 1962 und des eisernen Vorhanges durch den Ostblock bildete die Grenze zu DDR und Tschechoslowakei mit fast 2.000 km Länge – die Ostsee mitgerechnet – während des Kalten Krieges die Schnittstelle zwischen Ost und West. Aufgrund der Abschottung des Ostens beschränkte sich die Informationsgewinnung über militärische Vorgänge und Aktivitäten, besonders auch zur Vorwarnung sich anbahnender Konflikte, nunmehr weitgehend auf nicht zeitnahe, abbildende Aufklärung. Dazu wurde anfänglich das aufzuklärende Territorium mit Flugzeugen wie der Lockheed U-2 überflogen; später kamen Satelliten zum Einsatz, ergänzt durch Beobachtung und Überwachung über die Ländergrenzen hinweg. Die BRD baute zur elektronischen Aufklärung ein Überwachungssystem mit Aufklärungstürmen entlang des Eisernen Vorhanges auf, dessen Reichweite (Eindringtiefe) trotz der Lage auf Anhöhen und Bergen begrenzt war und nur die grenznahen Regionen des Interessengebietes abdecken konnte. Auf der Ostsee führten die Flottendienstboote analog diese in der Reichweite begrenzte Überwachung durch. Mit der Verschärfung der weltpolitischen Lage und dem Aufkommen des Kalten Krieges in der Mitte der 1960er Jahre strebten die NATO und Deutschland auf Drängen der USA an, die Reichweite ihrer Aufklärungssysteme zur Verbesserung der Vorwarnzeit in die Tiefe der DDR und darüber hinaus auszudehnen. Dieses konnte nur mit Empfängern und Sensoren in hochfliegenden Flugzeugen erreicht werden. Im Gegenzug zur Modernisierung der vorhandenen und der Einführung neuer Waffensysteme durch die Staaten des Ostblocks war die NATO bemüht, im täglichen Betrieb wie auch bei Übungen und Manövern des Ostblocks die Arbeitsfrequenzen dessen Radar- und Feuerleitsysteme (ELINT), seiner Kommunikationssysteme (COMINT) und deren Sprach- und Befehlsinhalte zu erfassen, zu analysieren, zuzuordnen und in Datenbanken für die Einsatzunterstützung bei möglichen Konflikten zu speichern. Die relativ junge Bundesrepublik sah sich hier in der Pflicht, entnahm der zulaufenden Serie der deutschen MPA-Breguet Atlantic fünf Flugzeuge und ließ sie in den USA vom Unternehmen E-Systems (heute Raytheon) mit einem SIGINT-System ausrüsten. Die USA sicherten sich nach den Foreign Military Sales (FMS) vertraglich auf Lebenszeit das Eigentum und die Modellpflege an der SIGINT-Ausrüstung und auch an den Aufklärungsergebnissen. Die deutschen Betreiber sind auch heute noch verpflichtet (wenn auch nur noch eher traditionell), alle aufgeklärten Kontakte und Erkenntnisse an die USA zu übermitteln. Änderungen am System dürfen von Deutschland nicht ohne Zustimmung der USA vorgenommen werden, bei länger währenden Arbeiten am Flugzeug muss zuvor die Ausrüstung in den USA ausgebaut werden, bevor das Flugzeug zur Überholung an Dornier (heute EADS) zurückgeflogen werden kann. Eine Alternative zu diesen Bestimmungen wäre die Durchführung der Überwachungseinsätze entlang der innerdeutschen Grenzen durch die NATO und die USA ohne deutsche Beteiligung gewesen, was der seinerzeit wiedererlangten (Teil-) Souveränität der Bundesrepublik widersprochen hätte. Kurios mutet an, dass bei den Einsätzen entlang der Grenze über Land die Auswertungsmannschaft aus Luftwaffenangehörigen bestand, während bei Einsätzen über See Marineangehörige an Bord waren. Dies war allerdings durch die Verschiedenartigkeit der aufzuklärenden Systeme bei Luftwaffe oder Marine des Ostens begründet. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Vertrauensbildung durch die KSZE-Verträge war die eigentliche Einsatzaufgabe überholt. Die heutige Hauptaufgabe sind die Einsatzunterstützung bei der Erfassung elektromagnetischer Signale zur Erstellung eines elektronisch generierten Lagebildes (Electronic Order of Battle) und auch Such- und Rettungseinsätze (SAR). Diese Aufgabe verlangt durch die sofortige Auswertung und Weitergabe der Aufklärungsergebnisse an die Einsatzzentrale eine aktive Teilnahme und viel Erfahrung der Operateure an Bord. Für den COMINT-Empfang und deren Aufklärung müssen die Operateure an Bord die Fremdsprachen mit deren Mundarten verstehen. Die letzte der fünf Maschinen des Typs BR 1150 M (61+03) absolvierte ihren letzten Flug am 20. Juni 2010 und beendete damit eine mehr als 40-jährige Ära in der Deutschen Marine. Die 61+02 wurde bereits 1992 ausgemustert, die 61+18 Mitte März 2005 nach der Ausmusterung in Erding beim LwInsthRgt 1 verschrottet, die 61+19 wurde am 15. Dezember 2006 zum Flugplatz Peenemünde für das dortige Museum überführt und die 61+06 dient seit dem 21. Oktober 2009 als "Gate Guard" in Nordholz.


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Last Update: 03.11.2017
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